Für die Reise nach Ottawa hatten wir uns erneut für die Fahrt über die Landstraße entschieden, da es einfach entspannter ist und man zudem noch wunderbar etwas von der Provinz Québec zu sehen bekommt. Der morgendliche Regen hatte sich auch verzogen und so konnten wir gemütlich durch die Ortschaften zuckeln. Unterwegs wurden wir zudem wieder mit einer wunderbaren Pracht an Baumfärbungen belohnt.
Kurz vor Ottawa machten wir einen kleinen Abstecher nach Montebello, zum Omega-Park. Das Navi neigt ja dazu den kürzesten Weg rauszusuchen und schickte uns auf dem letzten Teilstück über eine zum Teil unbefestigte kurvige Straße quer durch einen prächtigen Wald. Im Winter und bei Regen möchte man die nicht fahren, aber bei dem Wetter hatte Susanne mächtig Spaß.
Der Park ist quasi eine Safari mit einheimischen Tieren, wo man mit dem eigenen Auto durchfahren kann. Am Eingang gibt es Möhren zu kaufen, mit denen man einen Teil der Tiere füttern und so zum Auto locken konnte. Da konnte Susanne natürlich nicht widerstehen. Andrea bat anfangs dringend darum, dass die Fenster zu bleiben, Susanne wollte Fotos machen, kam also nicht in Frage. Die Tiere wissen natürlich genau, dass es in diesen lustigen Blechteilen Möhren zu ergattern gibt und so laufen sie immer elegant vor das Auto oder stellen sich in den Weg, um einen zum Halten zu zwingen. Möhren gab es nur auf der Beifahrerseite, Heike ließ ihr Fenster zu und als die erste Hirschkuh das damit quittierte, dass sie einmal ihre sabbernde Zunge quer über die Seitenscheiben zog, war Heike erstmal bedient. Es ist auch eine ziemliche Herausforderung, einfach wieder anzufahren, wenn rechts und links und vorne und hinten Wild in allen Größen ums Auto springt. Dazwischen aufgeregte Bachen mit ihren Frischlingen, neugierige Männchen, die wir aber wegen der Brunftzeit nicht füttern sollten und dann noch Gänse, die quer über den Weg latschen. In der Fahrschule lernt man klare Regeln, wie man sich zu verhalten hat, wenn Wild vors Auto rennt, die sind hier natürlich alle außer Kraft gesetzt. Nach ein paar Minuten ging es aber und Heike kutschierte uns sicher die Wege entlang. Neben Wild in allen Ausführungen gab es noch Bären, schwarze und weiße Wölfe, Polarfüchse, Bisons in verschiedenen Varianten und jede Menge Vögel. Die Biber und die Waschbären haben sich leider nicht gezeigt. Dafür aber spektakuläre Landschaft und viel buntes Laub. Der Abstecher hat sich wirklich gelohnt!
Weiter ging es Richtung Hauptstadt. Lustig ist, dass auf der französischen Seite, auf der wir ja immer noch fuhren, schon eine Weile Schilder auf Gatineau hinwiesen, kein einziges jedoch auf Ottawa. Die Doppelstadt wird durch einen Fluss getrennt, die eine Seite gehört zu Québec, wo eben Gatineau liegt, die andere zu Ontario, wo Ottawa sich breit macht. Rüber über die Brücke und zack waren wir wieder in Ontario. Endlich wieder englische Schilder! Das Haus war schnell gefunden, unser Auto parkt mit kirchlichem Beistand neben der Kathedrale und wir haben festgestellt, dass es beim Ferienwohnung buchen am Küchentisch toll ist, sich immer die oberen Etagen auszusuchen – an unsere Koffer haben wir dabei nie gedacht!
Wieder mal mussten wir noch einen Supermarkt unsicher machen und sahen auf dem Weg dahin schon die ein oder andere nette Ecke. Allerdings merkt man auch auf Anhieb, dass wir wieder in einer Großstadt sind. Stadtstreicher, laute Geräusche, das Heulen der Sirenen, die üblichen Begleitumstände halt…
Der heutige Tag empfing uns mit strahlendem Sonnenschein, reinstes Angeberwetter. Perfekt, um durch die Stadt zu schlendern. Wir ließen es ruhig angehen, frühstückten lange und dann zogen wir los. Da die Kathedrale quasi unser Nachbarhaus ist, fingen wir hier an. Begrüßt wurden wir mit Orgelklängen, was bei einem Besuch einer Kirche ja immer eine nette Untermalung ist. Eine prunkvolle Ausstattung, dabei aber keinesfalls überladen. Die Sonne zauberte durch die bunten Fenster ein beeindruckendes Licht im Inneren.
Nach dem Kirchenbesuch wandten wir uns wieder weltlichen Dingen zu und gingen zum Byward Market. Die Gemüsestände verzückten uns, da hier eine unglaublich liebevolle Präsentation zu bewundern war. Auf unseren Berliner Märkten sucht man das vergebens. Abgelenkt wurden wir dann aber doch von einem Weinladen. Der erste, in dem probiert werden durfte. Was unsere Schritte auch direkt in das Geschäft lenkte. Es gab Proben eines lokalen Ciders – Apple Cinnamon. Lecker, aber zu intensiv für mehr als ein Glas. Aber der Name der Firma ließ uns jubeln, denn Growers gehört mittlerweile zu unseren Lieblingsmarken an einheimischem Cider. Und es gab im hinteren Regal noch ganz viele lustige Sorten davon. Ehe wir da aber hinkamen, sprach uns ein anderer Kunde an und hielt uns einen Adventskalender unter die Nase, den er gerade erstanden hatte. Wir fragen uns jetzt noch, wieso er der Meinung war, dass ausgerechnet uns ein Adventskalender mit Eishockeymotiv interessieren würde. Die einzige, die sichtbar was mit Eishockey anhatte war Andrea, das aber nur auf dem Rücken und den hatte sie ihm nicht zugedreht. Wir rieben uns dennoch etwas verwundert die Augen, denn dieser Adventskalender war von Lindt. Hallo! Was läuft denn bei euch schief? Wieso gibt es sowas in Deutschland nicht?! Ein freundliches Gespräch später hatten wir endlich das Cider-Regal erreicht, begutachteten die vielen Sorten und beschlossen, zum Ende des Tages hier nochmal vorbei zu kommen, um unsere Vorräte aufzustocken. Über einen kurzen Stopp am Maple Syrup Stand, ging es dann endlich in die Byward Market Halle. Der erste Laden empfing uns mit kanadischem Sortiment, aber inzwischen sind wir wählerisch geworden. Irgendwie waren wir alle 3 von der geringen Größe der Halle enttäuscht. Wir hatten sie uns nach dem Studium diverser Reiseführer sehr viel größer vorgestellt. Aber schön war es auf jeden Fall. Genauso, wie die kleinen Straßen ringsum. Lauter kleine Häuschen, umringt allerdings von Hochhäusern. Nur mit kleinen Bauten kriegt man halt auch nicht alle Menschen unter.
Der nächste Weg führte uns ins Rideau Center. An keinem Ort waren und werden alle Shops so gebündelt sein, die auf unserer To-Do-Liste stehen. Allerdings hielt sich die Ausbeute dann doch in Grenzen. Nicht soooo schlimm.
Am frühen Nachmittag war es Zeit endlich eine weitere kanadische Spezialität zu probieren – Beaver Tails. Ihren Namen verdankt sie ihrem Aussehen, denn sie erinnert an einen Biberschwanz. Man kann sie süß, aber auch in herzhafter Variante probieren. Wir entschieden uns für die klassische mit Zucker und Zimt und dann noch für eine mit Haselnusscreme und Bananenscheiben. Lecker! Toll auch die bequemen Stühle, die überall herumstehen, aus denen man allerdings sehr schwer wieder herauskommt, wenn man erstmal drin sitzt. Aber hilft ja nix, wir mussten schließlich noch Cider kaufen, Susanne wollte zu Starbucks, da es neuerdings dann doch auch eine Ottawa-Tasse gibt (wär doch nicht nötig gewesen) und zum Supermarkt mussten wir auch nochmal, da wir gestern nur das nötigste gekauft hatten. Für den einen Abend entschieden wir, Chickenwings mit Coleslaw zu machen. Man sollte meinen, dass es in einem nordamerikanischen Supermarkt nicht schwierig ist, Coleslaw zu finden. Denkste… Susanne war auf der Suche, während am anderen Ende Andrea mit der Steuerung des Wagens kämpfte und prompt einen großen Stapel Kartons touchierte. Wie bei einem Verkehrsunfall wusste sie was passierte, konnte aber nur noch zusehen, wie die Kisten reihenweise zu Boden gingen. Während Andrea noch fasziniert auf das Chaos blickte, zog Heike sie geistesgegenwärtig in den nächstbesten Gang, um schleunigst diese Ecke des Supermarkts zu verlassen.
Als Susanne wieder auf die beiden traf, gackerten die wie blöde und verkündeten, dass sie den hinteren Teil des Supermarktes nicht mehr betreten konnten. Nach der Schilderung, was passiert war, bedankte sich Andrea nochmal bei Heike für die Rettung. Deren Kommentar war nur trocken: „Du wärst doch da stehen geblieben und hättest geglotzt, wie ein Monchichi.“
Zum Glück hatten wir den Coleslaw gefunden und konnten den Supermarkt schleunigst verlassen, bevor das Überwachungsvideo analysiert werden konnte. 😉 Nix wie weg hier!
Fazit des ersten Tages Ottawa: die Stadt ist wirklich schön, aber auch wirklich klein. Alle, die uns im Vorfeld gesagt haben, dass sie nicht so rasant viel zu bieten hat, hatten dann wohl doch Recht. Aber da auch für morgen Kaiserwetter angekündigt ist, werden wir einfach weiter durch die Straßen schlendern und natürlich noch die Sehenswürdigkeiten anpeilen, die wir heute noch nicht gesehen haben.