Von der Idylle ins Gewühl

Am nächsten Tag stand wieder mehr Geruhsamkeit auf dem Programm. Insofern machten wir mal etwas ganz Verwegenes – wir stellten keinen Wecker und auch das Frühstück zogen wir gemütlich in die Länge. Gegen Mittag stromerten wir etwas die Hauptstraße von Picton entlang, schauten kurz im Yachthafen vorbei, um dann wieder ins Auto zu krabbeln. Es ging zurück aufs Festland, nach Belleville.

Während der Reiseplanung kamen wir auf die Idee, dass es doch ganz nett wäre, wenn wir uns auch in Kanada eine Tea Time gönnen. Ursprünglich hatten wir dafür ein 5-Sterne-Hotel in Ottawa ins Auge gefasst, aber Andrea hatte Bedenken, ob wir dies zeitlich schaffen würden. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir die Übersichtlichkeit von Ottawa noch völlig unterschätzt. Also schaute Heike in den weiten Welten des Internets umher, ob es vielleicht auch in Picton eine Tea Time gab. Bei dieser Suche stieß sie auf eine toll klingende Tea Time in Belleville – dem Ort, an dem wir abends eh zu einem Hockeyspiel wollten. Die Bilder sahen toll aus und die Bewertungen klangen hervorragend, also wurde bereits in Berlin der Tisch klar gemacht.
Bei erneut strahlendem Sonnenschein fuhren wir auf das wundervolle Anwesen des Montrose Inn. Ein über hundert Jahre altes Herrenhaus, sehr gut in Schuß,  umgeben von weitläufigem englischen Rasen. Dazu Bäume und immer wieder kleine Bänkchen, die zum Verweilen einluden. Und Hörnchen, jede Menge Streifenhörnchen und Eichhörnchen, die hier übrigens bevorzugt schwarz sind. (Beweisfotos müssen wir leider in beiden Fällen schuldig bleiben. Die Tierchen sind extrem flink und kamerascheu). Da wir etwas früh dran waren, erkundeten wir das Gelände. Neben einer kleinen Ruine, die als Hochzeitskulisse dienen kann, wurden wir beim Gegend erkunden immer wieder vom Haushandwerker abgelenkt. Bei spätsommerlichen Temperaturen hatte er sich seines T-Shirts entledigt und präsentierte seinen trainierten Oberkörper. Unverschämt! 😉

 

Das kleine Hotel ist von der Besitzerin ganz liebevoll eingerichtet und dekoriert worden. Es wimmelte nur so von herbstlichen Blüten und Kürbissen. Wundervoll verspielt, ganz nach unserem Geschmack. Wir kamen aus dem Staunen und Entdecken nicht mehr heraus. Charmant und herzlich wurden wir willkommen geheißen und nach einem Begrüßungstee zu unserem Tisch gebeten. 
Alle Gänge der Tea Time waren außergewöhnlich lecker und der Service perfekt. Am Ende kramte Andrea noch ihre Englischkenntnisse zusammen. Sie wollte der entzückenden Gastgeberin unbedingt noch mitteilen, wie wundervoll sie ihre Teetasse fand und dass sie ein bisschen verliebt war. Die Teetassen waren ein wunderbares Sammelsurium feinsten Porzellans. Vermutlich zusammengetragen von sämtlichen Floh- und Antikmärkten der Umgebung. Und Andrea hatte eine mit englischer Cottagelandschaft vor sich. Nach ihrer geäußerten Liebeserklärung lächelte die Gastgeberin nur und erklärte, dass sie sie nur schnell abwaschen und einpacken würde. Diese herzliche Geste entlockte Andrea ein paar Tränchen und nach einem kurzen Plausch verließen wir schweren Herzens dieses tolle Haus. 
Nach soviel Kitsch und Heile Welt war es jetzt Zeit für ein bisschen Kontrastprogramm. Also nix wie rüber zum Saisonauftakt der Belleville Senators. Sehr zu unserer Freude gab es jede Menge kostenfreier Parkplätze. Dann spazierten wir gemütlich zur Halle, wo wir noch ein bisschen vom Fanfest mitbekamen. Livemusik, Kinderbemalung und kostenlose Hot Dogs wurde geboten. 
Vor dem Spiel wurde die gesamte Mannschaft der Senators, inkl. aller Betreuer und Verantwortlichen vorgestellt. Der Gegner erwischte dann aber den besseren Start und lag schnell mit 0:2 in Führung. 
Das in der Schlange stehen in der Drittelpause vor der Toilette war sehr unterhaltsam. Erst sprach uns eine junge Frau auf unsere Trikots an und erzählte, dass ihr Freund auch aus Deutschland käme. Anschließend ein Mann, der sich im Gespräch als Bruder von Dwayne Norris, einem Hockeyspieler der jahrelang in Köln und Frankfurt spielte, zu erkennen gab. Für Heiterkeit sorgte dann eine Frau, die Sanne beim Hände waschen ansprach und erzählte, dass ihr Mann jahrelang in Köln und Frankfurt gespielt hätte. Sie lachte nur, als Susanne ihr erklärte, dass wir gerade schon mit ihrem Schwager geplaudert hatten. Irgendwann wusste die gesamte Familie Norris, dass drei Berlinerinnen anwesend waren.
Anschließend war unsere Neugier geweckt, warum die Familie sich hier den Saison Opener ansah? Diese Frage wurde beantwortet, als wir im nächsten 
Drittel den Namen der Nr. 9 der Senators auf seinem Trikot lasen: Norris.
Kurz gegoogelt und richtig, dies ist der Sohn von Dwayne Norris. 
Das Spiel gewannen die Binghamton Devils am Ende mit 1:2.
Zurück auf der Insel ließen wir den Abend bei einem Glas Wein der ewigen Nummer 99 ausklingen.

 

Am nächsten Morgen verabschiedeten wir uns herzlich von der lieben Jane und brachen bei leichtem Regen auf zu unserer Fahrt zu den Niagarafällen.
Diese dauerte ein paar Stunden, da es rund um Toronto doch sehr voll auf den vielen Highways war.
Aber zum Glück und dank des Windes hatte sich bis zu unserer Ankunft der Regen verflüchtigt. Schnell im Hotel eingecheckt und dann ging es auch schon rüber zu den Niagarafällen. Eiligen Schrittes durchquerten wir den Vergnügungsteil und liefen zum Skylon Tower. Erst einmal hoch und einen Überblick von oben verschaffen. Wir kauften uns Tickets, mit denen wir auch am Abend noch einmal hoch fahren konnten. Der Blick vom Observation Deck sowohl auf die amerikanischen als auch auf die kanadischen Fälle ist wahrlich spektakulär. Den Blick in alle anderen Richtungen kann man sich allerdings sparen. Man sieht an allen Ecken und Enden, dass die Gebäude in den 50er, 60er Jahren hochgezogen wurden und mehr Masse statt Klasse die Devise war. Aber gut, wir waren ja auch nicht wegen der hübschen Architektur hier. Der Außenfahrstuhl brachte uns in 52 Sekunden wieder nach unten und nachdem wir Karten für eine Tour hinter den Wasserfall gekauft hatten, brauchten wir erstmal ganz dringend einen Kaffee und einen unserer geliebten Honey Cruller (kanadische Spritzkuchen, aber viel leckerer als zuhause).
Frisch gestärkt haben wir uns dann in das Gewühl in unmittelbarer Nähe der Horseshoe Falls, wie die kanadischen Wasserfälle eigentlich heißen, gestürzt. Je näher wir dem Wasser kamen, desto mehr Gischt bekamen wir ab und die Menge der Fotografierenden wurde immer mehr ( inklusive uns).
Am Eingang zur Tour gab es die obligatorische Taschenkontrolle und schon konnten wir mit dem Fahrstuhl hinunterfahren. In 30 Meter Tiefe bekamen wir Regenumhänge und gingen zuerst die Tunnel mit den Sichtfenstern ab. Es ist schon beeindruckend, wenn die Wassermassen an einem vorbeirauschen und man die Vibration des Felsens spürt. Das Beste hatten wir uns aber  für den Schluss aufgehoben: die Aussichtsplattform direkt am Fuße der Wasserfälle.
Es ist ein unbeschreibliches Erlebnis dort zu stehen. Wir spürten alle drei, welche wahnsinnige Kraft in diesen Wassermassen steckt und trotzdem ist es ein wunderbares Naturschauspiel. Unsere Handys hatten keine Chance und liefen vom vielen fotografieren fast heiß, gleichzeitig tropften sie von der Nässe, die wir abbekamen. Natürlich wird man auf der Plattform recht zügig sehr nass (hat schließlich nen Grund, wieso man Regenponchos verpasst bekommt) und deshalb ließen wir schließlich doch von diesem grandiosen Anblick ab (kurze Erinnerung: unsere Schuhe sind immer noch nicht wasserfest). Aber nur, um nochmal auf den Skylon Tower hinauf zu fahren. Inzwischen hatte die Beleuchtung der Fälle begonnen. Ein zauberhaftes Farbenspiel. Zu Beginn noch patriotisch rot-weiß-rot auf der einen und blau-weiß-rot auf der anderen Seite, wechselten die Farben. Viel orange war zu sehen, eine spätere Recherche ergab, dass das die Beleuchtung zu Thanksgiving ist, was am Montag in Kanada gefeiert wird. Aber zum Abschluss lieferten sie uns auch noch einen wundervollen Regenbogen. Wirklich getrocknet waren wir noch nicht, wärmer war es auch nicht geworden und außerdem hatten wir Hunger. Da wir hier in einem Bed and Breakfast wohnen und nicht selber kochen können, war der Burger King unser bester Freund. Auf dem Weg zurück besuchten wir noch die einzige kanadische Hard Rock Filiale. Kurz eine obligatorische Erinnerung mitgenommen und zum Abschluss noch schnell durch die Hersheys-Welt geschlendert. So war der Plan. Warum da plötzlich ein kleiner Coca Cola Laden auftauchte, der auch noch ein bisschen Merch verkaufte, fragt sich Andrea immer noch. Nach dem Hersheysshop war dann aber wirklich Schluss. Die Innenstadt besteht aus einem einzigen Bling-Bling und Gedudel und ist zwar faszinierend, aber man ist auch froh, wenn man wieder raus ist. Doch der Anblick der Fälle war diesen Abstecher auf jeden Fall wert!

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