Eigentlich wollten wir diese Reise ja schon letzten Herbst machen, doch dann schossen – vor allem hier in Thüringen – die Infektionszahlen durch die Decke. Ehe wir vor lauter geschlossenen Türen stehen würden, hatten wir also storniert. Neuer Anlauf – fast genau zwei Jahre nach der letzten Reise, die wir drei zusammen unternommen haben. Und die ging bekanntlich nach Kanada. Nun ist Weimar zwar nicht Kanada, aber immer eine Reise wert.
Letzte Woche haben wir uns zusammengesetzt, um die Tage in dieser schönen Stadt genauer zu planen und stellten da schon fest, dass wir offenbar etwas spät dran waren, denn die online verfügbaren Zeitfenster-Tickets für die diversen kulturellen Institutionen, die wir besuchen wollten, waren entweder vergriffen oder die Zeiten passten nicht in unsere Planung. Uns beruhigte nur, dass überall stand, dass es an der Tageskasse immer noch Tickets geben würde. Na dann!
Der zweite Punkt, der die Planung etwas erschwerte, waren die vollkommen unterschiedlichen Schließzeiten, die nicht nur die kulturellen Sehenswürdigkeiten der Stadt haben. Gleiches gilt auch für die Restaurants. Sonntag und Montag zu ist ebenso im Angebot wie Montag und Dienstag zu, nur Donnerstag auf oder ab Freitag geöffnet. Wie soll man denn so ne ordentliche Planung machen!?
Egal, wir mussten nach zwei Jahren endlich mal wieder raus aus Berlin. Irgendwas würde schon klappen.
Mit unserer Ferienwohnung haben auf jeden Fall schon mal einen Glückstreffer gelandet. Sehr zentral gelegen, wunderbar geräumig und mit Balkon im Grünen. Was will man mehr? Eintrittskarten zum Beispiel oder eine Reservierung im Restaurant…
Nachdem wir Montag nach der Ankunft gelernt haben, dass es leider keinen zentralen Ort gibt, wo man Tickets erwerben kann, rollte die erste Spontanitätswelle durch unseren Dreier-Trupp. Susanne erklärte sich bereit, Dienstag früh vorm Frühstück zur Anna-Amalia-Gedenkbibliothek und zu Goethes Wohnhaus zu laufen, um dort Eintrittskarten zu erwerben. Bei Anna lernte sie, dass es leider nur Karten am Tag für den Tag gibt. Eigentlich wollten wir da Donnerstag früh hin. Aber niemand kann dir garantieren, dass du dann wirklich Karten bekommst und wie lange man letztlich warten muss, um herein zu kommen. Okay, das war da schon vor Corona immer eine Katastrophe, weil die einfach nur wenig Leute am Tag rein lassen.
Gut – Problem verschoben, auf zu Goethe. Dort wollte sie für den gleichen Tag Tickets für ein Zeitfenster am Nachmittag erwerben. „Wir machen keinen Vorverkauf.“ „Aha… und, wenn wir heute Nachmittag kommen?“ „Müssen se probieren. Wenn die Karten weg sind, sind sie weg.“ „Ahaaa… na gut.“
Unverrichteter Dinge ging es zurück zu den Mädels. Erstmal frühstücken und sacken lassen. Anna Amalia schrieben wir für diesen Besuch ab. Das wäre ein sehr ungewisses, zeitintensives Unterfangen. Müssen wir halt nochmal her.
Der erste geplante Tagesordnungspunkt am Dienstag klappte dann zum Glück auch reibungslos. Ab ins Auto und raus zum Schloss Belvedere. Dort bekamen wir problemlos spontanen Zugang. Bewaffnet mit einem Audioguide erkundeten wir das kleine, feine Schloss, welches in einem wundervollen Garten liegt. Der Wettergott war auf unserer Seite, also erkundeten wir den Park gleich mit – nebst Orangerie, Grotte, Eiskeller, Fontäne und was es da noch alles zu entdecken gab.
Nach einer Pause machten wir uns auf den Weg zu Goethes Wohnhaus. Die Dame hatte ja am Morgen gesagt, dass wir unser Glück probieren sollten. Als wir da ankamen, liefen wir allerdings gegen ein Schild, auf dem stand, dass die Karten für den heutigen Tag ausverkauft wären. Hä? Hatten die nicht gesagt, dass sie keinen Vorverkauf machen? Wie sollte das denn funktionieren? Energisch ging Heike zu der Lady am Einlass und fragte nach. Die bestätigte zwar, dass sie keinen Vorverkauf machen würde, aber so richtig erklären konnte sie erstmal nicht, wieso man dann am Nachmittag keine Tickets mehr kriegen konnte. Zumal doch mit Zeitfenstern verkauft würde. Nun, dann hat Heike gelernt, dass die Zeitfenster nichts zu sagen hätten, jedenfalls nicht so, dass man einen Besuch terminieren könne. Sie stoppen halt mal kurz, wenn zu viel Leute drin sind. Und die Tickets? Es gibt 510 am Tag und wenn die weg sind, sind sie halt weg? Ähm… okay. Klingt wirklich durchdacht und organisiert. Nicht.
Gut, wenn Goethes Wohnhaus nicht wollte, mussten wir uns was anderes suchen. Unsere Wahl fiel auf das Weimar-Haus. Eine kleine, aber feine interaktive Ausstellung, die die Entstehung Weimars bis zur Hochzeit der Weimarer Klassik abbildet. Informativ und unterhaltsam, wie gesagt, klein, aber fein.
Immer noch hatten wir keinen freien Platz im Restaurant jagen können. Weimar ist im Vergleich zu sonst zwar leer, aber Restaurants mit thüringischem Essen gehen einfach gut. Nachdem im Restaurant unserer Wahl niemand ans Telefon ging, suchten wir Alternativen und fanden sie. Das Gasthaus Luise schien perfekt. Also nix wie hin. Sah auch toll aus, Platz hatten sie auch, allerdings erst am Mittwoch. Okay, dann mussten für diesen Abend halt die Reste vom Vortag her halten. Und es gab ja auch einen Ort, an dem wir uns ein bisschen trösten konnten. Das thüringische Feinkostgeschäft mit Eierlikör to go, welches wir schon Montag entdeckt hatten. 14 Sorten standen zur Auswahl und wir hatten die Qual der Wahl. Mohn und Himbeer waren schon mal Volltreffer und wanderten auch gleich als Mitbringsel in den Einkaufskorb. Ach, und thüringischen Gin hatten sie auch. Mit Latschenkiefer, Gurke, Himbeere… interessante Mischung und zum Glück hatten sie eine kleine Probierflasche und einheimisches Tonic. Da konnten wir also erstmal in der Fewo testen. Also ab dorthin und den Abend ausklingen lassen.
Der nächste Tag war fest verplant mit dem Besuch der Gedenkstätte Buchenwald, die nicht wirklich weit von Weimar ist. Eigentlich gab es Vorab-Tickets, die wir morgens buchen wollten, nachdem wir wussten, wann wir wirklich dort eintreffen würden. Dummerweise war die Seite down. Na gut, dann sind wir halt einfach mal hingefahren. Würde schon gut gehen. Ging es auch! Als wir ankamen, startete fünf Minuten später eine Führung, für die wir uns dann auch entschieden haben. Und das war eine goldrichtige Entscheidung. Der junge Mann, der die Führung gemacht hat war kompetent, mit unglaublich gutem Hintergrundwissen und der Fähigkeit, die damaligen Geschehnisse auf sehr subtile Art mit bestimmten Entwicklungen der heutigen Zeit zu verknüpfen. Großartig! Nach einem Rundgang durch die Dauerausstellung war dann aber auch der Punkt erreicht, dass wir das Gelesene nicht mehr verarbeiten, die Bilder nicht mehr erfassen konnten. So ein Besuch einer Gedenkstätte ist eben auch ziemlich anstrengend.
Nach einem kurzen Zwischenstopp in der Wohnung ging es wieder in die Altstadt. Ein bisschen bummeln und aus ein paar feinen, kleinen Läden einige Dinge käuflich entführen. Huch, und warum war denn da schon wieder dieser Eierlikör to go Laden? Nagut, wenn er schon mal unseren Weg kreuzte. Es gab ja noch einige Sorten zu probieren. Und auch in dieser Runde wurde die eine oder andere Sorte für kaufwürdig befunden. Nachdem alle Einkäufe mal kurz abgeschmissen waren, ging es endlich zu unserem ersten Restaurantbesuch. War der Gasthof Luise vorher eher eine Notlösung, entpuppte es sich bereits nach wenigen Minuten zu einer wahren Wohlfühloase. Leckeres Essen, gute Atmosphäre und eine wahnsinnig tolle, kompetente, sympathische, nette Bedienung. Sowohl die Chefin, die durchs Restaurant wirbelte, als auch die junge Frau hinterm Tresen, die es wirklich drauf hatte. Wir hatten Spaß nur beim zusehen wie sie den Laden schmissen.
Der Donnerstag versprach ein Tag der Überraschungen zu werden. Goethe rief, aber würden wir dem Ruf folgen können? Drama oder Lustspiel? Das war hier die Frage! Früher als sonst brachen wir auf, strammen Schrittes zu Goethes Wohnhaus. „Haben Sie Tickets für heute?“ „Natürlich!“ „Ohkay…“ Nix wie rein! Das Wohnhaus ist wirklich beeindruckend! Der Herr wusste in der Tat, wie man es sich schön machte. Allerdings hatte man ihm auch ein extrem schönes Haus zur Verfügung gestellt. Hinter dem Haus gab es einen recht imposanten Garten durch den wir wandelten. Eine wundervolle Blumenvielfalt die jede Menge Insekten anlockt. Bienen, Hummeln und …. tja, was war diese große schwarze Bienenhummel mit schillernden blauen Flügeln? Noch nie gesehen. Spätere Recherche ergab dass wir die größte heimische Wildbienenart zu Gesicht bekommen hatten. Wegen des milderen Klimas hat sie sich jetzt auch in Thüringen recht breit gemacht.
Hach, der erste Tagesordnungspunkt hat schon mal viel Spaß gemacht. Eigentlich gehört zu dem Eintritt auch noch der Besuch des Nationalmuseums. Darauf hatten wir allerdings in dem Moment wenig Lust. Draußen schien die Sonne, wir wollten noch zu Goethes Gartenhaus und dann staunten wir nicht schlecht, als wir von einer Mitarbeiterin lernten, dass wir ja auch gerne am Nachmittag wieder kommen könnten. Wir hätten ja Tageskarten. Das war der Punkt, wo wir das Kartensystem zwar endlich begriffen hatten, uns aber auch fragten, wieso uns das keine Sau vorher richtig hatte erklären können?!
Gut, nicht weiter drüber nachdenken, es hatte ja funktioniert. Was noch nicht funktioniert hatte, war einen Tisch für den Abend zu ergattern. Also führte uns unser Weg zum Restaurant unserer Wahl. Nüscht… nachdem wir am Abend vorher schon gelernt hatten, dass ein anderes Restaurant, was auch gut klang, die ganze Woche Platz gehabt hätte, nur Donnerstag waren zwei große Gruppen eingebucht. Seufz… na gut, wenn thüringisch gerade aus ist, nehmen wir halt bayerisch. Hauptsache einen Platz in einem Restaurant!
Nun machten wir uns auf den Weg zum Park an der Ilm, in dem auch Goethes Gartenhaus liegt. Nach den Erfahrungen der letzten Tage hatten wir ein wenig Angst, dass wir zu spät dran sein könnten. Auf die bange Frage, ob es noch Tickets gäbe, antwortete eine knuffig junge Frau. „Natürlich gibt es bei uns noch Tickets. Sie sind ja früh genug hier.“ Balsam auf unsere Seelen. Wir erzählten ihr daraufhin von unserem Hickhack an Goethes Wohnhaus, was sie zu einem Augenrollen veranlasste. Hier ging alles etwas entspannter zu. Das Haus ist bescheiden im Vergleich zum Wohnhaus, aber der Garten! Träumchen!
So langsam nölte Andrea, dass sie Rücken und Füße hatte. Eigentlich wartete noch ein paar kleine Highlights im Park auf uns, aber die Weitläufigkeit und die Tatsache dass wir wirklich schon viel gelaufen waren, passten heute nicht mehr zusammen. Im Vorbeilaufen nahmen wir noch ein paar Sehenswürdigkeiten des Parks mit, dann ging es zur wohlverdienten Pause in einem Café mit Sonnenplatz. Da wir früh am Tag aufgebrochen waren, hatten wir noch recht viel freie Zeit. Was damit anfangen? Goethes Nationalmuseum reizte uns immer noch nicht so richtig, das Stadtschloss wird restauriert, Schillers Wohnhaus ist beim nächsten Weimarbesuch dran. Okay, da gibt es noch diesen kleinen Witwensitz von Anna Amalia. Das Wittumspalais. Auch da ließ man uns glücklicherweise ein. Ein kleiner Spaziergang durch ihr Stadthaus war genau der richtige Abschluss unseres Kulturtages. Zeit die restlichen Dinge an Mitbringseln einzusammeln und… ach Mensch, da ist ja wieder dieser Eierlikörladen. Die nette Verkäuferin sah uns uns und fragte auch gleich „Eierlikörchen?“ Naaa gut, wenn sie uns diesen schon so aufdrängelt, dann sagen wir nicht nein. Und eine kleine Abschiedsrunde geht ja immer.
Nach einem leckeren bayrischen Abendessen lassen wir den Abend jetzt ausklingen.
Fazit: wir wissen noch, wie dieses Reisen geht. Aber Weimar bedarf dann doch mindestens eines weiteren Besuchs und offensichtlich strategischerer Vorbereitung, als wir es gewöhnt sind. Challenge accepted!